Empires of the North

Brettspiele Frittenrezensionen
7

Superfritte

Nordische Knollnasen

Wer durch so manch Spieleregal in Eigensammlung oder im Laden streift, wird beim knollnasigen Imperial Settlers kleben bleiben. Roman Kucharski hat mit seinem kleinen Settlern ein Volkimperium erschaffen, das auch gut und gerne in einem Computerspiel vorkommen könnte. Nach Imperial Settlers kommt nun die nächste Auskopplung in die Spielewelt von Portal Games, was hierzulande via Pegasus Spiele vertrieben wird. Ignacy Trzewiczek führt uns bei Empires of the North in den frostigen Norden und sorgt dafür, dass der Spieletisch reichlich mit Karten gefüllt wird.

Eine Welt voller kleiner Menschen

Imperial Settlers wimmeln in wirklich vielen Spielen umher und zieren diverse Spieleverpackungen und besonders Erweiterungen. Wer das Imperial Settlers Grundspiel kennt, weiß dass Atlanter, Amazonen, Azteken und weitere für ein noch mehr auf dem Tisch sorgen. Auch ein Roll & Write gibt es, diverse Minierweiterungen, und mit dem weiteren Grundspiel Empires of the North kommen noch mehr Völker zutage. Die ersten Erweiterungen für dieses Spiel sind angekündigt, und die Spielgemeinschaft kann sicher davon ausgehen, dass es noch lange nicht vorbei ist mit den liebreizenden Knollnasen.

Aber so liebreizend geht es nicht immer zu im Kartenspiel. Auch bei Empires of the North kann man richtig auf die Fresse hauen. Doch bevor ich auf die eine oder andere Volksgruppe im Spiel kurz eingehe, erst einmal ein Überblick, was Empires of the North überhaupt ist.

Asymmetrische Kartenexplosion

An sich ist Empires of the North nur ein Kartenspiel. Allerdings zeigt sich nach einer Partie mit zum Beispiel 4 Personen, dass man einen besonders großen Tisch haben sollte. Karten werden im Spiel in voller Breite und Länge ausgelegt und bilden mit diversen Spielbretterpläne, Ressourcen und weiteren Markern und Plättchen eine aufgeplatzte Auslage, die in ihrer Buntheit seines Gleichen sucht. Ein von außen fast undurchdringbares Wimmelbild, was an Chaos und Unruhe erinnert.

Steckt Mensch aber drin im Spiel, ist die Auslage nicht mehr so chaotisch und unverständlich. Nach nur einer Runde weiß man sehr gut Bescheid im kalten Norden und findet sich im eigenen Kartenarrangement zurecht. Jedoch bedarf es auch dazu etwas Spielerfahrung.

Empires of the North ist kein Kartenspiel, was man mal eben mit allen möglichen Menschen spielen kann. Durch seine Asymmetrie, seiner komplexen Spielbarkeit und dem breiten Planen und Achten auf Aktionen ist es schon recht komplex. Wobei ich sagen muss, dass diese Reise in den Norden zugänglicher ist, als das Imperial Settlers – so zumindest meine Erfahrung.

In Empires of the North ist unser Ziel mehr als 25 Punkte zu haben, denn wenn ein Marker die 25er Marke erreicht hat, wird die Runde zu Ende gespielt, und dann geschaut, wer gewonnen hat und nicht aufzuräumen braucht.

Bis dahin legen wir Karten aus, die unser eigenes Völkchen größer und ertragreicher machen. Sechs Clans sind im Grundspiel enthalten und spielen sich unterschiedlich und verschieden schwierig. Ist der Glenn Clan noch relativ leicht zu erlernen, so zeigt der Nanurjuk Clan schon diverse Kniffs und Herausforderungen.

Zusätzlich zum Kartenauslegen des eigenen Dorfs besitzen wir Schiffe, mit denen wir Inseln anschippern, plündern können oder lieber Verbünde eingehen. Dies machen wir im Wettrennen mit den anderen. So finden wir bei Empires of the North ein separates Spielen im eigenen Dorf, und ein Treffen auf dem Wasser und am Aktionsrondel.

Wer genauer in die Regeln von Empires of the North schauen möchte, kann gerne HIER mal nachlesen. Vielmehr möchte ich euch etwas drüber erzählen, welches Gefühl ich bei meinen Reisen in den Norden verspürt habe.

Der zweite Blick

Ich bin ehrlich, als ich in die Welt der kleinen Knollnasen schaute (damals mit Imperial Settlers), war ich eher abgeneigt als begeistert. Sorry, nicht mein Spiel, langweilt mich, viel zu wimmelig, verstehe ich nicht, bah! Durch meine Reise in den Norden habe ich wieder einen Zugang versucht und ward sehr positiv überrascht, wie vielseitig und spannend dieses Spiel und die Spielweise ist. Wow, begeistert, voll angetan und Herzchenaugen.

Ich habe bei meiner ersten Runde etwas gebraucht, um zu verstehen, wie ein Spielzug aussieht, wie ich was planen muss, und wie ich auf längere Sicht Ketten bauen kann mit meinen Karten. Als ich das verstanden hatte, erlebte ich ein Gefühl vom Bau einer Maschine, die bei einer „richtigen“ Zusammensetzung zu unglaublichen Output führen kann. Wow. Eine Art Engine Builder mit Kettenreaktionen und Planungen. Das mochte ich sehr.

Auch mochte ich sehr zu erleben, wie knapp meine Ressourcen doch waren, oder wie sinnlos mein Völkchen im Abbau von zum Beispiel Stein hantierte. Ein anderes Volk zeigte sich zu unerfahren im Fischfang, und wieder andere Völker hatten keine Möglichkeit an Äpfelchen zu kommen, die im Spiel für Nahrung stehen. Also: Wie planen, dass man das bekommt, was man nicht hat.

Meist geschieht das in der eigenen Auslage, aber oft zeigt sich auch, dass es andere Bereiche gibt, um Ressourcen zu erhalten, die man selber nicht erarbeitet. Mit Schiffen hinaus zu anderen Inseln, in andere Clandörfer einwirken, tauschen, etc. Es gibt Möglichkeiten, die aber erst gefunden und geschaffen werden müssen.

Bei Empires of the North müssen wir unsere Erträge erarbeiten. Hier bekommen wir nichts geschenkt. Wir müssen nachdenken, planen. Geschicktes Einsetzen der Clanscheibe führt zu ertragsträchtigen und wertvollen Outputs. Beim Spiel sollte man einen Plan haben, ein Ziel verfolgen und darüber nachdenken, was man schon in Runde zwei vorhat. Das mag ich am Spiel. Gefordert sein, und dabei die Mitspielenden im Blick haben.

Allein mit anderen

Ich gebe es zu, an sich spielt jede*r eher für sich und im eigenen Dorf. Auch wenn die Aktion „Ort überfallen“ besteht, kommt diese verhältnismäßig seltener zutragen, als die anderen Aktionen. Und obwohl alle eher für sich so dahin und für sich spielen, gibt es Möglichkeiten einander in die Quere zu kommen; zum Beispiel beim segeln. Aber richtig Feindseligkeit habe ich bei Empires of the North nicht entdeckt. Eher versuchen die Clans ihre Ellenbogen hochzuheben, um im Wettlauf an die 25 Punkte zu kommen, als die anderen Mitspielenden. Ein Lauf auf den Sieg. Das kann Stress verursachen, wenn man sehen muss, wenn ein Spieler „davon läuft“. Oh weh.

Und dann schaut man wieder in sein eigenes Dörfchen und sieht die eigene Auslage. Man erfreut sich an den bereits erschaffenen und denkt sich: „Beim nächsten Spiel wird alles anders und besser. Da lese ich mir die Karten anfangs alle durch, damit ich meinen Kartenstapel kenne.“ Das empfehle ich auch auf jeden Fall; den eigenen Kartenstapel lesen und wissen, welche Karten enthalten sind.

Wer mit einem Clan genug Erfahrung gesammelt hat, steigt auf den nächsten über und erkennt eine andere Spielweise. Damit wird Empires of the North nicht langweilig, sondern abwechslungsreich. Und wenn dann noch die nächsten Erweiterungen an die Tür klopfen, nun, da wird noch lange genug Spiel zur Verfügung stehen. Ich freue mich auf jeden Fall schon.

Lecker

  • Ich mag die Kettenaktionen
  • Es gibt so viele Möglichkeiten

Pfui

  • Kleiner Tisch? Kein Spiel für Dich!
  • 1. Partie immer etwas holprig, danach geht es besser.

Fazit

Funfairist sagt

Ich mag Empires of the North sehr und vergebe eine Superfritte. Tolles Setting, tolle Ausstattung, Anforderungscharakter gut und ein schöner Spielfluss. Downtime habe ich nicht erlebt, da alle immer nur mit einer Aktion dabei sind, und es dann schnell weitergeht. Das erste Spiel zeigt sich bei Neulingen immer recht holprig. Gleich noch mal ne Runde nachschieben, es lohnt sich. Ich bin jedenfalls froh doch einen schönen zweiten Blick auf die kleinen Knollnasen bekommen zu haben. Herzlichen Dank dem Pegasus Verlag, die uns ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.
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