The 7th Continent

Frittenrezensionen Kartenspiele

Eine verrückte Reise auf einem verrückten Kontinent.

Kaddy: Ach, Funfairist ….The 7th Continent liegt hier in meinem Schrank und der Bericht dazu steht noch aus. Der hätte sicherlich auch schon etwas eher kommen können, aber ich hab kämpfen wollen. Für das Spiel. Für den Spielspaß auf dem 7. Kontinent. Daher hab ich noch mit mir gehadert und gespielt. Aber leider werden die Zeit und die immer wiederkehrenden Versuche, das Spiel doch zu mögen, nicht mit Erfolg gekrönt. Nun verrate ich schon relativ früh, was ich von The 7th Continent halte, aber man muss ja auch mal ein bisschen unkonventionell beginnen, nicht wahr?

Ich erzähle erstmal kurz, worum es bei dem Spiel geht:
Ein bis vier Personen können sich hier Stunden um Stunden in dieser fetten Spieleschachtel verlieren. Fast 900 Karten warten darin und damit auch unterschiedlichste Geschichten, die es zu entdecken und erleben gilt. Die heißen hier „Flüche“ – und unser Ziel ist es, den Fluch, der in uns bebt, zu brechen. Ansonsten heißt es: Asta la Vista, Baby und auf wiedersehen. Gestorben ist hier schnell, bei The 7th Continent …
Vom Prinzip her funktioniert es so, dass wir eine ausliegende Landschaft langsam aber sicher erkunden. Sie wächst so Karte für Karte in die Breite und die Tiefe und wir erkunden neue Orte und hin und wieder auch Gegenstände, die wir praktischerweise sammeln und mit anderen Dingen kombinieren kann. Das wiederum kann uns an anderer Stelle dann weiterhelfen. Auf einigen Karten verstecken sich geheime (oder auch nicht so geheime) Nummern, die, wenn wir sie finden, uns zu neuen Karten lotsen.

Das Spiel ist eigentlich nicht sonderlich schwer, die Regeln sind an sich nicht übermäßig komplex. In der Schachtel steckt auch „Das Lied des Kristalls“, eine Erweiterung mit 40 neuen Karten und einem neuen Fluch.

Hier kommt ihr zum englischen Regelheft, falls ihr mal einen Blick reinwerfen möchtet.

Voohoooorrfreude

Ich habe mich sehr gefreut, als klar war, dass wir ein Exemplar von The 7th Continent für die Rezension bekommen würden (vielen Dank an dieser Stelle, liebes Pegasus-Team!). Ich bin ja grooooßer Fan von Spielen, die Geschichten erzählen, mich da einsaugen und einfach nicht mehr loslassen. Ich mag das Erkunden und auch das Gefühl, an mancher Stelle was zu verpassen, wenn ich Entscheidungen treffe. Also war mir eigentlich klar: The 7th Continent und ich … Lovecraft trifft Jules Verne … GEIL!
Zuerst war das Spiel bei Funfairist, der schon viele Stunden in dieser Welt verbracht hatte, bevor ich das Spiel dann getestet habe. Erzählt doch mal – was hast du da so erlebt?
Funfairist: Das stimmt! Wir waren schon viele Stunden auf dem 7. Kontinent unterwegs, und haben allerhand erlebt. Unsere Spielstunden sind ordentlich zweistellig, und wir haben noch längst nicht alles erkundet, was in der Schachtel steckt. 
Das ist wirklich großartig an dem Spiel – hier stecken viele unterschiedliche Wege im Spiel und in jeweiligen Abenteuer. Teilweise laufen auch unterschiedliche Handlungsstränge parallel, so dass es lohnt ein Szenario auch zwei- oder dreifach zu spielen.
 
Jedoch, und da gebe ich Dir sowas von recht, auch bei mir und bei uns, zeigte sich das Spiel als behäbig und teilweise als zu kalt und verloren. The 7th Continent und ich – auch wir werden nicht die besten Freunde. Doch woran liegt es? Nun, wohl wahrscheinlich, dass viel im Spiel passiert, und dennoch nichts passiert. Wir machen irgendwie immer das Gleiche: Wie erkunden, hoffen nicht zu verdursten/verhungern, erleben manch kleines Abenteuer und gehen mit der einen oder anderen Wunde hinaus. Dieser Kontinent ist ein zerpflücktes Spielbuch, wobei die Seiten hier kleine Kärtchen sind. Die einzige randomisierte Methode, die wir erleben, liegt im Kartenstapel der Entdeckungen. Und hier habe ich ein ganz großes Fragezeichen: In einer Partie, in der wir zum Beispiel in den Norden gegangen sind, trafen wir auf leckere Fische, die wir für unsere Nahrungsversorgung nutzen konnten. Etwas später, wenn wir die gleiche Richtung gehen, und den Nebel wieder lichten, treffen wir auf aggressive Tiere, die uns die Eingeweide mopsen wollen. Was machen die hier? Eben war da doch noch ein See mit Fischen – jetzt das. Klar, erzählerisch könnte man sich das zurecht biegen, aber diese Willkürlichkeit des im Nebeltaperns macht das strategische Spiel schwierig. So ist eine ordentliche Portion Glück von Nöten, um rechtzeitig Essen zu finden, um den Kartenstapel erneut zu mischen.

Weitere Erlebnisse

Doch bevor ich weiter aufzähle, was mir nicht gefällt, und womit ich manch Spielbremse erlebt habe, komme ich doch mal zu meinen Erlebnissen: Ich muss schon sagen, auf der erzählerischen Ebene ist The 7th Continent echt atmosphärisch. Ich kann mir richtig vorstellen, wie wir uns durch die Büsche schlagen, so manch Steilklippe erklimmen, und ich habe schon so etwas wie Spannung erlebt, wenn wir manch verlassenen Tempel erkunden, wo wir vielleicht aus Missgeschick manch Dinge taten oder befreiten, die uns später zum Verhängnis wurden. Das muss ich sagen mag ich am Kontinenten-Kartenspiel sehr: Teilweise haben manch Erlebnisse Auswirkungen auf unser weiteres Tun, da wir Karten freispielen, die im Stapel eingemischt werden oder später uns wieder ereilen. Hier muss ich sagen: Puh, was eine Redaktionsarbeit hier drin steckt. Wahnsinn. Hier müssen hunderte Stunden gespielt worden sein, um so ein fein abgestimmtes Werk zu erschaffen. Bisher sind wir auf keine „Einbahnstraße“ gestoßen, was ich echt toll finde. Also: Geschichte erzählen kann dieser Kontinent.
 
Auch hat es Spaß gemacht zu erleben, wie manch Mitspieler hier in die Welt eintauchen konnte. Ich habe The 7th Continent mit unterschiedlichen Menschen gespielt, und durfte erleben, was diese am Tisch fühlten. Meistens war es so, dass nach dem Verstehen, wie das Spiel funktioniert (das geht recht schnell, nach ca. 10-20 Minuten weiß man, wie der Hase läuft), eine beinah Euphorie einsetzte, die gute 1 bis 1,5 Stunden anhielt. Entdeckergeist, Abenteuerlust, Aufregung und Spannung war hier ganz klar zu erkennen. Aber, und hier wieder ein ABER: Diese Spannung ebbte nach 2 gespielten Spielstunden echt ab, und wir waren noch lange nicht am Ende. Eine Partie The 7th Continent spielt sich eben nicht 2 Stunden runter. Hier sitzen wir länger dran, und wenn ich schreibe länger, dann meine ich länger. So musste ich feststellen, dass die vorige Abenteuerlust und der Entdeckergeist sich peu a peu abbauten. Schade. Einmal habe ich sogar gehört, als jemand sagte: „Dauert es noch lange?“ Tja, so manch Ende wurde da schon fast ersehnt, und es war egal, ob positiv oder negativ. Und bei Dir und euch Kaddy? Wie war es bei euch, als das Spiel bei Dir ankam?
Kaddy: Ja, und dann kam das Spiel endlich bei mir an. Ich hatte ja schon mitbekommen, dass Funfairist nicht so super begeistert von dem war, was er auf dem 7. Kontinent erlebt hat, aber davon lasse ich mich nicht beeinflussen. Denn es kommt durchaus mal vor, dass unsere Meinungen bei Spielen ziemlich weit auseinander gehen. Also hätte das auch hier so sein können.
Also: Nix wie drauf auf den Tisch! Und auch nix wie runter damit. Nach den ersten 5 Stunden war ich ein bisschen sprachlos ob dessen, was da hinter mir lag. Ich hab mich gefühlt, als würde ich auf der Spielemesse blind einen Obststand finden sollte, nur, dass ich gar nicht weiß, dass ich ihn finden soll. Das war bald ziemlich frustrierend. Man hat vielleicht hier und da so ein Gefühl, wo man hin muss, um diesen ätzenden Fluch loszuwerden und nicht draufzugehen. Aber meistens hat es sich echt wie blindes Topfschlagen auf dem 7. Kontinent angefühlt. Manchmal triffste was, manchmal nicht und überhaupt … manchmal geht auch der Löffel kaputt.
Manchmal liegt eine solche erste Erfahrung ja aber daran, dass man sich noch in das Spiel reinfühlen muss … Also: Nochmal ran. Vorher nochmal Regeln lesen und dann einen neuen Anlauf. Gleicher Fluch, anderer Fluch, noch ein Anlauf, und noch einer … und mit jeder Karte hatte ich die Hoffnung, dass wir den Zustand „Spielfreude“ finden. Stattdessen fanden wir qualmende Lagerfeuer, frustrierte Spieler (wir haben es zu zweit gespielt), Weichtiere, und Zufallsereignisse, auf die man oft auch einfach hätte verzichten können. Zum Thema Frust ein Beispiel, nämlich das des Spielendes: Wenn eine Fluchkarte gezogen wird, wenn keine Aktionskarten mehr im Stapel sind, endet das Spiel sofort und alle sind tot.
Schön.

Ja, da funktioniert natürlich und spielmechanisch spricht da auch nix gegen, finde ich. Aber – und jetzt mal Budder bei die Fische: dieses „Ende“ hab ich mehr als nur einmal ignoriert, weil ich keine Lust hatte, wieder von vorn anzufangen, sondern weil ich irgendwann auch mal ein Erfolgserlebnis haben wollte. Wenigstens eine kleines. Nur miniklein. Der Frust (und zwischendurch sogar Desinteresse ob des weiteren Erkunden) war zeitweise schon unser ständiger Begleiter …

Wie war das bei euch?

Funfairist: Das unterschreibe ich sofort! Auch bei uns war Frust recht oft gegeben. Aber vielleicht nicht so stark, wie bei euch. Bei uns war eher nach ein paar Stunden, wie oben schon geschrieben, Langeweile am Tisch vorhanden. Und auch manches Kopfschütteln. Ja, denn so thematisch und erzählerisch sich The 7th Continent zeigt, so mussten wir doch hier und da echt mit dem Kopf schütteln. Mit den Nebelwanderungen habe ich ja schon manch Unverständnis geschrieben. Aber wo ich echt den Kopf geschüttelt habe, ist manch Kombinationen von Gegenständen gewesen, die wir durchgeführt haben. „Moment, ich verbinde mein Sparten mit meinem Floß, um diesen Vogel zu fangen …“ Häh??? Was mache ich da? Schmeiße ich das Schiff jetzt gegen das Hähnchen, um es plätten zu können? Ne, so manch Kombination habe ich einfach nicht verstanden, und hier hätte ich mir etwas anderes gewünscht. Für mich fühlte es sich an, als sei MacGyver mit in der Truppe, der aus Schilf, Spaten und Tonkrug gar Wundersames zimmern konnte.
Aber vielleicht bin ich hier auch zu streng – ich weiß es nicht. Ich jedenfalls habe in mir zwei Herzen, die da schlagen: Auf der einen Seite hätte ich großen Bock zu wissen, was dieses zerpflückte Spielbuch noch alles an Abenteuer für uns bereit hält, und auf der anderen Seite ist es mir echt zu müßig gute 4 bis 8 Stunden für ein Kartenaufdecken zu verplempern, wofür das Spielmaterial einfach zu bescheiden ist. Wäre das ein Miniaturenspiel, ein Spiel mit üppiger Ausstattung, vielleicht dann gerne, aber so: Ach lass mal, ich leg mich lieber an den Strand.

Funfairist sagt:

Ich schätze, das Spiel wird eine große Fanbase haben kann, das zeigt auch BGG, und die Wertungen sind echt hoch, und es gibt viele Lobhudeleien. Aber für mich und für die breite Spielmasse bleibt das Spiel eher Knusprig im Schrank nun liegen. Ein bisschen weniger, und ich schätze, dass die breitere Masse sich mehr und eher angesprochen fühlen würde. So wie es ist, bleibt es ein Nischenprodukt, das genau das ist, was manch Nerd will. Für die ist das Spiel Super. Daher glaube ich: Du geheimnisvoller Kontinent wirst wohl eher geheim bleiben für die vielen verspielten Augen da draußen.
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